Nachtzug-Bashing ist gerade wieder in Mode.

Nachtzug-Bashing ist gerade wieder in Mode. Aber nicht jede Mode, macht auch Sinn – zwei Figuren, die mir dieser Tage auffallen:

➡️ Hans Muster schreibt: Ich brauche keinen Nachtzug, ich arbeite lieber die acht Stunden im Tagzug produktiv durch.

❌ Stimmt wahrscheinlich für ihn. Aber nicht alle können acht Stunden still sitzen oder im Zug arbeiten. Familien mit Kleinkindern, Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Einschränkungen, ältere Reisende – sie alle profitieren davon, eine Reise schlafen zu können, statt sie zu überstehen. Der Nachtzug ist kein Lifestyle-Produkt für Romantiker. Er ist eine Reiseoption, die für bestimmte Gruppen schlicht die einzig zumutbare ist.

➡️ Peter Mustermann empört sich auf LinkedIn über eine Stunde Verspätung seines Nachtzugs. Und dass sein Zug ein paar Mal an Bahnhöfen angehalten hätte.

❌ Verständlich. Aber derselbe Peter erwähnt mit keinem Wort, dass im Sommer 2025 am Flughafen Zürich jedes zweite Flugzeug verspätet abgehoben hat – über das ganze Jahr waren es immerhin 35 Prozent aller Abflüge. Verspätungen beim Fliegen gelten als höhere Gewalt. Verspätungen beim Nachtzug als Systemversagen.

Dazu kommt: Nachtzüge stehen tagsüber, aber sie blockieren damit keine Abstellkapazitäten, weil die Personenzüge dann sowieso auf der Strecke sind. Nachts wiederum konkurrieren sie kaum mit dem schnellen Fernverkehr um Trassem, der zu dieser Zeit nicht läuft. Das ist eigentlich eine strukturelle Win-Win-Situation, die in der Debatte regelmässig untergeht. Und die Entwicklung dürfte den Nachtzug mittelfristig noch attraktiver machen – leisere Fahrzeuge, bessere Schlafqualität, neue Kabinekonzepte.

Der Nachtzug wird eine Nische bleiben, das ist realistisch und kein Drama. Aber im öffentlichen Verkehr sind wir es eigentlich gewohnt, Nischen zu akzeptieren und zu finanzieren: Nachtbusse, Rufbusse, Bergbahnen in entlegenen Tälern. Weshalb gelten für den Nachtzug andere Massstäbe?

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