Wer Angst vor der Sprachpolizei hat, sollte hier nicht weiterlesen.

Wer Angst vor der Sprachpolizei hat, sollte hier nicht weiterlesen. 🚨

Für alle anderen gibt es einen spannend Einblick in unsere Sprachmuster, die sich mit der Zeit eingeschlichen haben. Denn die Worte, die wir wählen, formen die Realität. Spezielle Sensibilität braucht es besonders dort, wo es um Leben und Tod geht: bei der Verkehrssicherheit.

Vor einiger Zeit durfte ich deshalb einen Workshop zwischen Polizist:innen und Medienschaffenden zu diesem Thema zu moderieren. Dabei wurde deutlich: Die Art, wie wir heute über "Verkehrsunfälle" sprechen, ist oft geprägt von Täterschutz und Zufälligkeit.

Ein paar Beispiele:
➡️ "Es kam zu einem Unfall an der Kreuzung" verschleiert Handelnde und Ursachen; der Begriff Unfall wirkt wie ein vorprogrammiertes Schicksal.
✅ Besser: "An der Kreuzung stossen ein Autofahrer und eine Radfahrerin zusammen."

➡️ "Der Lastwagen erfasste eine Velofahrerin" vermenschlicht das Fahrzeug und macht den Fahrer unsichtbar.
✅ Besser: "Der Lastwagenfahrer erfasste eine Velofahrerin."

➡️ "Der Radfahrer verletzte sich bei der Kollision" suggeriert Selbstverschulden.
✅ Besser: "Der Radfahrer wurde durch die Kollision mit der Autofahrerin verletzt."

➡️ "Der Motorradfahrer geriet auf die Gegenfahrbahn und verstarb an der Unfallstelle" klingt wie ein schicksalhaftes Geschehen.
✅ Besser: "Der Motorradfahrer fuhr auf die Gegenfahrbahn und wurde durch die Kollision tödlich verletzt."

➡️ "Die Autofahrerin übersah den Fussgänger" übernimmt unkritisch die Perspektive des Fahrers.
✅ Besser: "Die Autofahrerin erklärte, sie habe den Fussgänger übersehen."

Für mich gibt es ein grosses Learning aus diesem Projekt: Schicksalshafte Formulierungen wie "Unfall" oder Passiv-Sätze sind zu vermeiden. Unfälle sind kein Schicksal, sondern können in vielen Fällen vermieden werden.

Aus dem Workshop ist übrigens ein Leitfaden entstanden, der praxisnahe Alternativen und zeigt: Mit bewusster Sprachwahl können wir Verantwortlichkeiten klarer benennen und systemische Faktoren sichtbar machen.

Jährlich sterben in der DACH-Region über 4500 Menschen im Strassenverkehr. Sprache allein wird das nicht ändern – aber sie ist ein wichtiger Baustein für unser Umgang mit dem Sterben im Strassenverkehr. Vielen Dank an Felix Schindler und Hugo Caviola für die Einladung, ich habe viel gelernt!

Der Sprachkompass-Leitfaden ist kostenlos verfügbar: https://lnkd.in/eRrsHAcF
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